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#9 What goes around comes around

Der Kreislaufwirtschaft - Newsletter von der KEK

Liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zu einer neuen Ausgabe unseres Kreislaufwirtschaft-Newsletters What goes around comes around!

Haben Sie sich auch schonmal gefragt, warum Sanitäranlagen hier in Deutschland so aussehen, wie sie aussehen und haben genau dies in Frage gestellt? Wir haben es getan und widmen diese Ausgabe unseres Newsletters dem Kreislaufthema "Nährstoffrecycling".

Das aktuelle Sanitärsystem in Deutschland und Europa sieht vor, dass Fäkalien mit Frischwasser vermengt in die Kanalisation geleitet werden. Laut Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz sind 96 Prozent der Bevölkerung Deutschlands an die öffentliche Kanalisation angeschlossen. Das Abwasser wird in über 10.000 Kläranlagen in drei (teilweise vier) Reinigungsstufen mit hohem Energieverbrauch gereinigt. Nährstoffe werden so entfernt. Übrig bleibt sogenannter Klärschlamm, der verbrannt wird. 

Bild: naehrstoffwende.org

Das Berliner Unternehmen Shit2Power hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht und produziert aus Klärschlamm Energie. 

Jahrtausendelang nutzten Menschen Ausscheidungen als Dünger und zur organischen Verbesserung der Bodenqualität. Die Urbanisierung und die daraus entstandenen neuen Anforderungen an Hygiene verdrängten den traditionellen Recyclingdünger zunehmend aus der Landwirtschaft.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in den Städten der westlichen Industrieländer aufwändige Kanalisationssysteme gebaut. Zusammen mit Wasseranschlüssen in den Häusern ermöglichten sie die rasche Verbreitung des Water Closet – des heutigen WCs. Durch die Einführung der WCs gelangten große Mengen an Nährstoffen in die Flüsse und Meere und gingen somit für die Nahrungsmittel-produktion unwiederbringlich verloren. Von Interesse sind hier insbesondere Stickstoff (N), Phosphor (P) und Kalium (K), die Pflanzen für ihr Wachstum benötigen.

Heute sind Wassertoiletten für uns selbstverständlich und erscheinen uns nahezu alternativlos. Doch wir werden Alternativen brauchen, denn die wasserbasierte Entsorgung menschlicher Ausscheidungen hat ökologische Nachteile, die immer deutlicher werden. In Deutschland spülen wir ein Drittel unseres wertvollen Trinkwassers einfach die Toilette hinunter – zusammen mit Rückständen von Medikamenten und Schadstoffen.
Bisher gibt es keine wirksamen Verfahren, um diese in den Kläranlagen wieder aus dem Abwasser zu entfernen. Sie gelangen in Gewässer und Grundwasser und bedrohen die Ökosysteme. Wichtige Pflanzennährstoffe in unseren Ausscheidungen – wie Phosphor und Stickstoff – werden weggespült und müssen in Kläranlagen mühsam wieder aus dem Abwasser gefiltert werden, sonst düngen wir damit Gewässer statt Felder. (Quelle: Handbuch-fuer-die-Sanitaer-und-Naehrstoffwende.pdf)
Eine erhöhte Konzentration an Phosphor kann in Oberflächengewässern zur Eutrophierung führen. Das Gewässer gerät aus dem  biologischen Gleichgewicht durch übermäßige Nährstoffzufuhr.

Interview

Wer sich so richtig mit dem Thema Nährstoff- und Sanitärwende auskennt, ist Michael Jakobs von der Technischen Universität Berlin. Wir durften ihm ein paar Fragen stellen zur praktischen und erfolgreichen Umsetzung der Sanitärwende, den damit verbunden Regularien und wie es mit der Akzeptanz in der Bevölkerung aussieht. Denn beteiligt sind wir ja alle irgendwie.

Michael Jakobs ist im Wissenschaftsladen kubus der TU Berlin tätig. kubus steht für Kooperations- und Beratungsstelle für Umweltfragen. Michael Jakobs koordinierte die zweitägige Nährstoff- und Sanitärtagung im September an der TU Berlin, bei dem die KEK Kooperationspartner war. Rund 130 Expert:innen aus den Bereichen Forschung, Politik und kommunale Verwaltung, Unternehmertum und Zivilgesellschaft diskutierten die Ergebnisse aus mehreren Jahren Forschung & Erprobung zur Nährstoff- und Sanitärwende. Darüber hinaus ging es um die Fragestellung, wie wir ins Handeln kommen und wie wir zwei drängende Herausforderungen unserer Zeit - „Wasserknappheit“ und „Nährstoffverlust - bewältigen? Den ganzen Bericht zur Tagung können Sie hier nachlesen

Erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts, durch die Entstehung aufwändiger Kanalisationssysteme und Wasseranschlüsse in Häusern, verbreiteten sich die heute nach wie vor bekannten Water Closets (WCs) in den westlichen Ländern.  Also noch gar nicht so lange im Vergleich zur Menschheitsgeschichte. Da könnte man meinen, dass eine Alternativmethode durchaus vorstellbar wäre. Wie steht es um die Akzeptanz von Trockentoiletten? Und was ist nötig, um potentielle Nutzer:innen zu überzeugen?

Die Entwicklung der Kanalisation im 19. Jahrhundert war ein entscheidender Fortschritt zur Bekämpfung von Seuchen wie Cholera und hat die Hygiene in urbanen Gebieten revolutioniert. Doch heute, mit neuen technologischen Möglichkeiten und einem gesteigerten Umweltbewusstsein, wird zunehmend hinterfragt, ob dieses wasserintensive System noch zeitgemäß ist.

Spültoiletten haben gravierende Nachteile, darunter ein enorm hoher Wasserverbrauch von etwa 6-9 Litern pro Spülung. Außerdem erfordert die Abwasseraufbereitung in Kläranlagen viel Energie, und wertvolle Nährstoffe wie Phosphor, die im Abwasser enthalten sind, gehen verloren. Denn alles was in der Kanalisation zusammenfließt, wird später in den Kläranlagen unter enormen Energieaufwand wieder versucht zu trennen - mit mäßigem Erfolg. Trocken-bzw. Trenntoiletten bieten hier eine nachhaltige Alternative, die den Ressourcenkreislauf schließen kann.

Die Akzeptanz von Trockentoiletten ist derzeit noch begrenzt, vor allem in westlichen Ländern, wo Wasserklosetts tief in der Alltagskultur verankert sind. Das liegt an Komfortvorstellungen, Hygienebedenken und der fehlenden Auseinandersetzung mit alternativen Sanitärlösungen. Dennoch steigt das Interesse, insbesondere durch den wachsenden Fokus auf Umwelt- und Ressourcenschutz.

Um Nutzer:innen zu überzeugen, braucht es vor allem Aufklärung über die ökologischen und ökonomischen Vorteile, wie die Einsparung von Wasser und die Rückgewinnung von Nährstoffen. Ein entscheidender Punkt ist auch die Weiterentwicklung des Designs. Trockentoiletten müssen einfach zu bedienen, geruchsfrei und optisch ansprechend sein. Zusätzlich könnten finanzielle Anreize durch Förderprogramme dazu beitragen, Vorurteile abzubauen.

Was spricht aktuell dagegen, mit menschlichen Ausscheidungen in der Landwirtschaft zu düngen?

Der Einsatz von menschlichem Dünger in der Landwirtschaft wird vor allem durch hygienische Bedenken behindert. Es besteht Sorge vor Pathogenen oder Schadstoffen wie Medikamentenrückständen. Diese Frage stellen wir uns aber komischerweise nicht beim Tierdünger aus der Massentierhaltung, wo Antibiotika regelmäßig verwendet wird. Darüber hinaus stellen rechtliche Vorgaben, etwa die strengen Reinheitsanforderungen der Düngegesetzgebung, ein Hindernis dar. Zudem fehlt es an der notwendigen Infrastruktur zur Sammlung, Aufbereitung und Verteilung.

Im Vergleich zu chemischen Düngeprodukten bietet menschlicher bzw. organischer Dünger – also ähnlich dem Tierdünger – jedoch großes Potenzial. Chemische Dünger sind zwar standardisiert und kurzfristig effektiv, verursachen jedoch Umweltprobleme wie Bodenversauerung, Verschmutzung der Gewässer und hohen Energieverbrauch in der Herstellung, nur um einige wenige Auswirkungen zu nennen. Dazu muss man sich nur mal ein Foto vom Tagebau für Phosphor bei Google anschauen, um die Auswirkungen auf die Umwelt zu verstehen – geschweige davon, dass uns der Rohstoff schon ganz bald ausgehen wird. Aufbereiteter menschlicher Kot und Urin könnten hingegen helfen, Nährstoffkreis-läufe zu schließen und die Abhängigkeit von fossilen Ressourcen zu reduzieren.

Haben Sie ein Beispiel, wo die Sanitärwende schon weiter fortgeschritten ist?

Mehrere Vorzeigeprojekte hat die Genossenschaft Equilibre in der Schweiz vorzuweisen. Die mehrstöckigen Wohngebäuden zeichnen sich durch ein komplett geschlossenes System aus, in dem die Bewohner:innen ihren eigenen Kompost für den Garten produzieren.
Ein Beispiel aus Deutschland ist der Hamburg Water Cycle. Hier wird in einer innovativen Wohnanlage (Jenfelder Au) das Abwasser getrennt und Biogas erzeugt.
Ein Beispiel aus der Wissenschaft ist das BMBF-Projekt zirkulierBAR, das innovative Technologien und Konzepte für eine zirkuläre Sanitärversorgung erforscht und entwickelt.
In der Praxis spielen die Finizio – Future Sanitation GmbH und die Kreiswerke Barnim eine führende Rolle. Das Unternehmen entwickelt und implementiert nachhaltige Sanitärlösungen, die auf der Trennung und Wiederverwendung von Nährstoffen basieren. Die Kreiswerke Barnim engagieren sich auf regionaler Ebene intensiv für nachhaltige Ressourcenwirtschaft und die Implementierung von Kreislaufsystemen. Die Kreiswerke Barnim fördern Projekte zur Rückführung von Nährstoffen in die Landwirtschaft.

Wir fragen in unserer Interviewreihe gerne nach den rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen. Gibt es Regeln im Abwasserrecht, die die Transformation zur Circular Economy erschweren und die Sie sich daher einmal angepasst wünschen?

Das aktuelle Abwasserrecht ist auf zentrale Kanalisation und Kläranlagen ausgerichtet, was dezentrale Sanitärlösungen wie Trockentoiletten oder Trenntoiletten benachteiligt. Die Abwasserverordnung (AbwV) enthält strikte Vorschriften zur Abwasserableitung und - behandlung, die innovative Ansätze erschweren. Auch die Zulassung von Recyclingprodukten wie aufbereitete Ausscheidungen als Dünger gestaltet sich aufwendig und kostenintensiv. Hier stellen insbesondere die Anforderungen der Düngeverordnung (DüMV) und das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) hohe bürokratische Hürden dar.

Anpassungen könnten hier Abhilfe schaffen. Wünschenswert wären spezifische Regelungen, die den Einsatz von menschlichen Ausscheidungen als Düngemittel erleichtern. Eine Anpassung der Düngegesetzgebung könnte beispielsweise innovative Verfahren fördern und die rechtlichen Grundlagen für die Kreislauf-wirtschaft im Sanitärbereich verbessern. Zusätzlich wären finanzielle und rechtliche Anreize notwendig, um Unternehmen und Kommunen zum Umdenken zu bewegen.

Wichtig sind zuerst mal die rechtlichen Rahmenbedingungen auf Bundesebene, wie das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG), die Bioabfallverordnung (BioAbfV) und die Düngemittelverordnung (DüMV) zu ändern. Erst danach können die Vorgaben des Wasserhaushaltsgesetzes (WHG) und des Kreislaufwirtschaftsgesetzes (KrWG) in konkrete, auf Landesebene und Kommunalebene angepasste Vorschriften übersetzt werden.

Was möchten Sie abschließend den Leser:innen mit auf den Weg geben?

Wir sprechen viel von Recycling, beziehen uns dabei aber meist auf Materialien und Produkte. Neben der Wiederverwendung und dem Recycling von Produkten würde ich den Begriff aber noch weiter fassen: Nicht nur die Wiederverwendung von Materialien darunter zu verstehen, sondern ganzheitlich zirkuläre Systeme, die auch im alltäglichen Nutzen Ressourcen wie Wasser und Nährstoffe zirkulieren.

Sie finden das Interview zum Nachlesen auch auf unserer Webseite.

Förderprogramme und Netzwerkveranstaltungen

Kl!maBerlin Dialoge am 11.02.2025: Mit Klimaschutz punkten? Wie Unternehmen und Institutionen davon profitieren. Die Veranstaltung unter dem Motto findet in Kooperation mit der IHK Berlin im Ludwig-Erhard-Haus statt. Zur kostenfreien Veranstaltung, der Anmeldung und den Podiumsgästen. ANMELDEN

SustainableSolutionsMatch vom 7.–21. Februar 2025: Das virtuelle Event, das Anbieter und Suchende innovativer und nachhaltiger Lösungen aus ganz Europa zusammenbringt, um echten Impact zu schaffen. ANMELDEN

Förderprogramm zur Vermeidung von Meeresmüll: Das Bundesumweltministerium hat am 20. Januar 2025 den vierten Förderaufruf (Call) gestartet. Gefördert werden vor allem Projektansätze in den Bereichen nachhaltiger Produktion, zirkuläres Design und Kreislauflösungen, integrierte Abfallmanagementsysteme, Beratung und Kapazitätsaustausch, Abfallinformationssysteme sowie gesellschaftlicher Transformation. Die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung ist erforderlich. ANMELDEN

EU-Förderprogramm Horizont Europa Cluster 6: Eine vierzehnteilige Webinarreihe stellt die Themen des Clusters 6 „Lebensmittel, Bioökonomie, natürliche Ressourcen, Landwirtschaft und Umwelt“ vor. MEHR

Förderaufruf zum GreenTech Innovationswettbewerb – Digitale Technologien als Hebel für die Kreislaufwirtschaft: Gefördert werden die Entwicklung und Erprobung digitaler Lösungen, die entscheidende Hürden in der Kreislaufwirtschaft abbauen können, beispielsweise durch KI-Systeme, digitale Zwillinge oder die Integration des digitalen Produktpasses. Der Förderaufruf ist für alle Branchen und digitalen Technologien offen. Einreichfrist für Projektskizzen ist der 24.03.2025, 12.00 Uhr. Weiteres zum Förderaufruf und zum Online-Infotermin am 14.02 MEHR

EU-Förderung zur Einführung zirkulärer Geschäftsmodelle sowie Produkt- und Prozessinnovationen: Das EU-geförderte Projekt Up2Circ startet in die zweite und letzte Förderrunde. Kleine und Mittlere Unternehmen können sich ab März 2025 auf die Fördergelder bewerben. Das Projekt fördert innovative Bemühungen von Unternehmen in Richtung Kreislaufwirtschaft.  Eine Infoveranstaltung in deutscher Sprache findet am 4. Februar statt. ANMELDEN


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Dieser Newsletter wird von der Koordinierungsstelle für Kreislaufwirtschaft, Energieeffizienz und Klimaschutz im Betrieb (KEK) durch Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie herausgegeben.


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